Garden Route

„Och nö!“ Die einzig adäquate Reaktion auf das Klingeln des Weckers um fünf in der Früh, befindet man sich doch eigentlich im Urlaub. Wer aber unbedingt einen dicken Schlenker in die Berge machen will, darf sich anschließend nicht beschweren, wenn der Wecker ein wenig früher als üblich klingelt und uns darauf hinweist langsam in die Gänge zu kommen, wenn wir unseren Flieger in Durban nach Port Elizabeth pünktlich erwischen wollen.

Viel zu früh am Flughafen stellen wir fest, dass unser Wecker scheinbar recht pessimistisch eingestellt, uns noch ein wenig weiterträumen hätte lassen können. Kein Stau, keine unvorhersehbaren Straßenverhältnisse, keine unauffindbare Tankstelle sowie keine problematische Autorückgabe stahlen uns Zeit, sodass wir uns den Flughafen in Durban ein wenig genauer zur Gemüte führen können.

Unglücklicherweise ist der Flughafen alles andere als spannend, sodass wir unsere Zeit mit ein paar Folgen „Heroes“ sowie dem Schreiben einiger Karten für die Daheimgeblieben überbrückten. Immerhin ist der Flieger pünktlich, sodass wir eineinhalb Stunden später immer noch in Südafrika, jedoch viel weiter südlich, in Port Elizabeth wieder der strahlenden Sonne entgegenblicken.

Während unser Gepäck schnell zu uns findet, dauert es etwas bei der Abholung unseres neuen Gefährts wieder etwas länger. In einem scheinbar endlosen Gebäude, in dem sich Autovermietung an Autovermietung reiht, stehen selbst verständlich bei der von uns gewählten Organisation zwei Reisegruppen, um die acht Leute, mit Sonderwünschen, Autotauschansprüchen und Beratungsbedarf, während die Mitarbeiter der anderen Stationen gähnend auf einen Kunden warten, der sich ihrer erbarmt.

Unsere Motivation sinkt mit jeder neuen Überraschung für die scheinbaren Erstmieter (Ausweis? Führerschein? Kreditkarte?), wenngleich wir standhaft bleiben um nach einer weiteren Stunde in unserem „neuen“ Gefährt, einem VW Polo, zu sitzen der uns bis zur Abreise begleiten soll.

Von Port Elizabeth machen wir uns auf den Weg, auf die heute bereits gefahrenen 350km noch einmal 200 weitere drauf zu schlagen, um das heutige Etappenziel in Storms River zu erreichen. Glücklicherweise handelt es sich bei der Fahrt nicht nur um eine einfache Strecke die es abzureißen gilt. Nein, im Gegenteil, fahren wir die berühmte Garden Route entlang, die sich von Hermanus bis nach Port Elizabeth entlang der N2 erstreckt. Der Ruf der Strecke ist ungefähr vergleichbar mit der Great Ocean Road in Australien und auch die subjektive Diskrepanz zwischen Erwartetem und Erlebten wies starke Parallelen mit unseren Erfahrungen Down Under auf.

So streiften uns auf der Fahrt nach Stroms River zwar einige schön anzusehende Berge, das große „Ach guck mal!“ blieb hingegen irgendwie aus. Lediglich der Abzweig zu unserer Unterkunft verhieß Spannung, schlängelte sich die Straße doch unbefestigt und mit ordentlichen Löchern versehen 4 km ins Hinterland, eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für unseren kleinen Polo.

Unversehrt am Ziel angekommen, hieß es Aufmerksamkeit erregen, denn irgendwie schien auf unserer kleinen Farm niemand so recht anwesend um uns in Empfang zu nehmen. Erst nach mehrmaligem Läuten einer Glocke, sowie dem ein oder anderem „Hallo?!“ kam der überaus sympathische Peter zum Vorschein, ein wenig verdutzt über unseren Besuch.

Ich hatte mit Peter und Nicky vorab nur via E-Mail kommuniziert, ging aber irgendwie davon aus, dass wir es mit einem jungen Pärchen zu tun hätten, hatte Nicky alle E-Mails doch immer prompt mit ihrem Blackberry beantwortet. Als Peter jedoch vor uns stand, war klar dass wir uns wohl ein wenig verschätzt hatten, entschuldigte er sich doch inständig uns nicht gehört zu haben, da er weder gut sehen noch hören könnte, was durchaus auf sein hohes Alter zurückzuführen sei. Peter, der mich stark an einen Mann aus der amerikanischen Amisch Glaubensgesellschaft erinnerte, fragte uns ernsthaft was uns denn zu ihnen geführt hätte, scheinbar keine Gäste mehr erwartend.

Wir klärten die Lage, indem wir ihn davon überzeugten, dass wir vorab mit seiner Frau gesprochen hätten, welche im Moment jedoch nicht anwesend war, musste sie aus einem der Gästehütten gerade Bienen vertreiben, die sich ungewollt dort niedergelassen hatten. Es stellte sich schnell raus, dass ein anderes Pärchen vor uns angekommen war und Peter und Nicky sie einfach zur Romy & Mathias deklariert hatten. Da wir davon ausgehen, dass die Beiden nicht Mathias & Romy heißen, wundert es uns doch, dass sie sich bei der persönlichen Ansprache nicht zu einer Korrektur hinreißen ließen. Wahrscheinlich glaubten sie aber nur an eine Verwechslung / Verwirrtheit der Beiden und waren froh eine nette Unterkunft für den Abend erstanden zu haben, sodass sie keinen Grund sahen das Missverständnis aufzuklären.

Unsere eigentliche Unterkunft war somit von unserem Double belegt, was glücklicherweise kein großes Problem darstellte, wichen wir einfach auf eine andere Hütte aus, waren doch nur zwei der vier Hütten belegt.

Nachdem unsere Sachen in der durchaus netten Holzhütte verstaut waren, machten wir uns direkt wieder auf nach Storms River um noch einen Happen zu uns zu nehmen und den „Bafana Bafana“ (der südafrikanischen Fußballnationalmannschaft) im Viertelfinale des Africa Cups die Daumen zu drücken. Leider half unser Enthusiasmus den Jungs nicht, sodass die Südafrikaner ohne Gewinn den glücklicherweise kurzen Weg nach Hause antreten mussten, während wir den restlichen Abend auf unserer kleinen Farm im Hinterland verbrachten.

Am nächsten Morgen begrüßte uns Nicky, die es sich, unglaublich süß (Ordnung muss sein), nicht nehmen ließ, sich für ihre vier Gäste ein Namensschild anzustecken und uns ein ordentliches Farmerfrühstück inklusive selbstgemachter Muffins sowie Joghurt aus eigener Herstellung zu kredenzen. Für uns ein ordentlicher Start in den Tag, wenngleich der Joghurt eine bis dato ungekannte Konsistenz aufwies, irgendwie kleisterartig zäh das Ganze, wie ein langer Spuckefaden den man wieder hochziehen kann. Gut das Nicky unser Lachen nicht hören konnte, wäre es uns doch nie in den Sinn gekommen, diese reizende Dame in irgendeiner Weise zu kränken.

Unser eigentliches Interesse in Storm River galt dem nahegelegenen Tsitsikamma-Nationalpark, der an der Küste gelegen eine schöne Hängebrücke sowie eine beeindruckende Klippen- und Felslandschaft bietet. Ein weiteres Highlight ist der ca. 40 km lange Otter-Trail, eine Mehrtageswanderung entlang der Küste, dessen erstes Stück (der Waterfalltrail) sich aber auch als Tagestour realisieren lässt.

Bevor wir den Park erreichen sollten, hieß es jedoch erst einmal einen Zwischenstopp einzulegen, denn immerhin überquerten wir mittels einer Brücke eine beeindruckende Schlucht, die glücklicherweise verkehrsgünstig an einer Tankstelle gelegen und mit einem Fußgängerstreifen zur Überquerung ausgestattet war.

Während wir über die Brücke wanderten und das ein oder andere Foto schossen, beschloss der Himmel die weiße Farbe über uns gegen ein grau auszutauschen, nicht ohne uns auch mit ein wenig Wasser zu beglücken, welches in immer größer werdenden Mengen auf uns hinabstürzte. Während wir im ersten Moment noch Zuflucht in der Tankstelle fanden, wechselten wir irgendwann über in unser Auto, in der Hoffnung, dass der Regen bald ein Ende haben würde, und wir unsere Reise fortsetzten könnten.

Nach der zweiten Folge „Heroes“ (Spielzeit 40 Minuten pro Folge) war klar, dass unserer Wunsch wohl nicht so schnell erfüllt werden sollte, sodass wir auf einen Besuch das Parks vorerst verzichteten um stattdessen unser ca. 100 km entferntes Tagesziel Knysna anzusteuern.

In Knysna angekommen, begrüßte uns unser Gastgeber direkt mit einem Regenschirm und der guten Nachricht, dass wir unser Zimmer, bei Interesse, für ein Schnäppchenpreis doch gerne upgraden könnten. Da es auf die paar Rand nun auch nicht mehr ankommen würde, ließen wir uns beide Zimmer zeigen, um fortan im obersten Stockwerk mit eigener Frühstücksterrasse den Blick über die Lagune in Knysna genießen zu können.

Den Rest des Tages verbringen wir mit Karten schreiben und anderen Verpflichtungen, bevor wir uns am Abend auf den Weg in den Ort machen, wo wir auf Anraten unserer Gastgeber ein wirklich hervorragendes Fischgericht zu uns nehmen dürfen.

Am nächsten Morgen sieht die Welt wieder in Ordnung aus. Eine Beurteilung fällt uns hierbei besonders leicht, können wir die äußeren Bedingungen doch bestens bei unserem Frühstück auf der Terrasse beobachten.

Da unser Besuch am Vortag sprichwörtlich in Wasser gefallen ist, nehmen wir heute erneut Anlauf den Tsitsikamma-Nationalpark zu besuchen. Das Wetter auf unserer Seite gibt es noch einen Zwischenstopp an der Bloukraans Bridge, von wo aus man die höchste Bungeejumpingmöglichkeit der Welt hat. Wir beschränken uns hier aufs zuschauen, bevor wir die Tore zum Park erreichen. Sonnencreme auf die Haut und schon starten wir mit all den anderen Touristen zur Suspension Bridge, einer recht ansehnlichen Hängebrücke die die Flussmündung des Storms River überspannt. Ein Foto hier, ein Foto dort und und zurück zum Auto um nicht weit entfernt, dafür mit weniger Touristen, den Waterfall Trail in Angriff zu nehmen.

Der knapp 6 Kilometer lange Trail gilt als schwierig, was nicht zuletzt an dem recht hohen Kraxelfaktor über die Steine an der Küste liegt. Während wir mit unseren Tagesrucksäcken relativ locker über die Steine sprangen, taten uns die, von uns eingeholten Mehrtageswanderer mit scheinbar wenig Erfahrung und dafür viel zu massigen Rucksäcken wirklich leid, verlangte der Weg doch so ziemlich jede Leistungsreserve von ihnen ab.

Das eigentliche Ziel des Weges war, neben den vielen Felsformationen, wenig überraschend der namensgebende Wasserfall, den wir nach knapp 2 Stunden erreichten. „Denken Sie daran ein Handtuch einzupacken, falls Sie sich am Ende des Weges in den kalten Fluten des Wasserfalls erfrischen wollen.“ schreibt unser Reiseführer über den Ende des Weges. Gut, dass wir kein Handtuch dabei haben, denn das Wasser das sich beeindruckend von oben ergießt, sieht alles andere als einladend aus. Keine Ahnung ob das mit der Farbe, dem Geruch und dem Schaum so sein muss, doch irgendwie hatten wir uns einen klaren Gebirgsbach erhofft, bekommen haben wir eine eher bräunliche Brühe.

Nach kurzem Aufenthalt geht es zurück zum Ausgangsort, wobei wir einmal mehr feststellen, dass unsere bisherige Abneigung gegenüber „Rückwegen“ vielleicht doch unberechtigt ist. „Bist du dir sicher, dass wir hier langekommen sind? Kommt mir überhaupt nicht bekannt vor…“ klang es des Öfteren aus unseren Mündern. Schon komisch wie sehr ein Weg sich wandelt, wenn man ihn einfach mal von der anderen Seite begeht.

Zurück am Auto klopfen wir unsere Schuhe aus und treten den Heimweg an, um den Abend wie schon am Vorabend an der Waterfront ausklingen zu lassen.

Wenngleich Knysna sicherlich noch Stoff für weitere Tage bereitgehalten hätte, hieß es weiterzuziehen, denn immerhin war der Zeitplan eng und die noch verbleibenden Tage im Land knapp.

Für den nächsten Stopp auf unserem Weg nach Kapstadt entschieden wir uns für Barrydale, einem Ort der im touristischen Sinne maximal als Nebenschauplatz herhalten darf, ist er für die meisten Personen doch nur als Mittagsstopp von Bedeutung, was auch die zahlreichen Restaurants am Rand der Hauptstraße beweisen, die jedoch pünktlich zum Abend hin schließen, sodass Sie als Lokalität für den Tagesausklang weder für Touristen noch für Einheimische in Frage kommen.

Der Grund für die Tagesbesucher in Barrydale ist die direkte Lage an der Route 62, dem  weniger berühmten Pendant zur Garden Route, die sich weiter nördlich im Landesinneren über die die Garden Route  begleitenden Bergen  ebenfalls von Port Elizabeth nach Kapstadt erstreckt.

Mit wenig Zeit und einem Maximum an Entdeckerdrang im Gepäck war uns nach Bekanntwerden dieser Alternative klar, dass wir auch gerne die Inlandroute durch die Karoo kennenlernen möchten. Vorher hieß es jedoch noch einen kurzen Zwischenstopp in Victoria Bay, dem laut Reiseführer „[…] schönsten Ort der Gaden Route.“, einzulegen, der sich aber als spektakulär unspektakulär herausstellte.

Zwar zeugen die hunderte von Parkplätzen auf ein geschäftiges Treiben zu Hochzeiten an dem kleinen durch Felsen eingerahmten Strand, jedoch macht die eine zu vermietende Ferienhausreihe aus die der Ort im Wesentlichen besteht, nicht wirklich Lust auf mehr, sodass wir uns hier nur für ein kurzes Fußbad im Meer aufhalten, um anschließend über den Tradouw Pass den Weg über die Berge in Angriff zu nehmen.

Auf der Route 62 angekommen, ist es nur noch ein Katzensprung bis nach Barrydale, wo wir schließlich ohne Umwege unsere Unterkunft bei Leon und Denis beziehen, einem schwulen Pärchen, dass sich vor zehn Jahren von ihrem Leben als Chemiker und Banker verabschiedet hat, um nun ein Gästehaus in dem ruhigen Örtchen zu betreiben.

Barrydale bietet tatsächlich nicht allzu viel, allerdings ermöglicht uns die Abgeschiedenheit des Ortes freies Bewegen auch nach Einbruch der Dunkelheit, sowie den ein oder anderen netten Plausch mit der Postfrau sowie der Verkäuferin in dem scheinbar einzigen Laden für alkoholische Getränke.

Wenngleich Barrydale ein durchaus netter Zwischenstopp war, bereuen wir nicht weiterziehen zu müssen um die nun hoffentlich folgenden Schönheiten der Route 62 in uns aufzusaugen.

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