Swasiland

„Nein erst zurück, dann das Formular ausfüllen und dann wieder her. Nein, diesen Zettel benötigen wir jetzt nicht, Sie brauchen das andere Formular…“ Wer vom Krüger Nationalpark gen Süden an die Ostküste möchte, hat im Prinzip zwei Möglichkeiten. Erstens man nimmt den etwas umständlichen und nicht gerade schnellen Weg über einige Nationalstrecken an die Küste oder man versucht sich an einem Shortcut durch das Swasiland, einem kleinen Binnenstaat, umschlossen von Mosambik und Südafrika.

Da wir auf unserer Reise genug Auto fahren würden und gegen ein Stempel mehr im Pass auch nichts auszusetzen ist, entschlossen wir uns recht früh die Strecke über das Swasiland zu wählen, wenngleich das Land anhand äußerer Daten auf den ersten Blick nicht gerade positiv zu beeindrucken vermag.

So gehört Swasiland gerade noch zu den „Ländern mit mittlerem Entwicklungsstand“ knapp vor Buthan, jedoch hinter Kambodscha, was einem nicht gerade ehrenhaften 140. von 187 Plätzen auf dem Human Development Index entspricht. Die Armut des Landes führt ferner dazu, dass ca. 20 Prozent der Bevölkerung auf internationale Lebensmittelhilfe angewiesen sind. Des Weiteren handelt es sich bei dem als absolutem Monarchie regierten Staat, um das Land mit der höchsten HIV Rate der Welt, was einer um Kinder und Alte bereinigten Infektionsrate von 63 Prozent (Stand 2009) entspricht und in eine damit verbundene geringe durchschnittliche Lebenserwartung von 31,7 Jahren bei Männern und 32,2 Jahren bei Frauen resultiert. Wiederum ein Rekord, handelt es sich hierbei um die niedrigste Lebenserwartung der Welt. Nicht sehr überraschend sind Presse und Medien alles andere als frei und kritische Berichterstattung ist nicht unbedingt erwünscht, wenngleich die uns beim Grenzübertritt extra für ausländische Touristen angefertigte Swasilandzeitung ein anderes Bild zu vermitteln versucht.

Bevor wir jedoch die Zeitung erhalten sollten, hieß es erst einmal den Grenzübertritt erfolgreich zu absolvieren. Was recht einfach klingt, gestaltete sich zwar nicht als schwierig, jedoch durchaus verwirrend, war uns doch nie so recht klar, welches Land nun was genau und für was eigentlich von uns wollte.

Mit allen Papieren bewaffnet (im Grunde nur unsere Pässe und gaaanz wichtig, ein Border-Cross-Formular für unser Auto, ausgestellt von unserem Autovermieter, ohne dem gar nichts gehen würde, dass aber schlussendlich niemanden interessierte) nährten wir uns dem ersten Schlagbaum, an dem uns der Kollege schon erwartete. Wir hielten, bekamen ohne viele Worte einen Zettel mit unserem Kennzeichen in die Hand gedrückt und folgten der lässigen Handbewegung des Grenzpostens die uns mitteilte weiterzufahren. Das war ja einfach.

Gut gelaunt über so viel Einfachheit und bewaffnet mit unserem tollen, ganz offiziellen Zettel, fuhren wir direkt weiter zur zweiten Schranke. Pässe und Zettel übergeben, und? Nein, leider geht es nicht über Los und wie ziehen auch keine 1000 Euro ein. Es fehlen irgendwelche Papiere. Wir sollen auf dem Parkplatz parken und zur Immigration weiter. Hier geht es um unsere offizielle Ausreise, achso. Pässe her, Stempel rein, noch n Zettel, wieder ins Auto und zur Schranke. Man lässt uns gewähren und wie stehen vor dem nächsten Hindernis, erneut in Form einer Schranke.

Gar nicht dumm, orientieren wir uns jetzt einfach an einem anderen Touristenpärchen vor uns und parken diesmal gleich in dem scheinbar demilitarisierten Niemandsland zwischen Südafrika und dem Swasiland. In einem Büro in eine Schlange gestellt, warten wir bis wir dran sind. Es wird abermals das Kennzeichen unseres Autos notiert, wir erhalten Stempel in unsere Pässe (datiert auf das Jahr 2012?!) und bekommen einige Papiere zum Ausfüllen, behalten und weitergeben. Wir machen Angaben über unsere Personen, unser Auto (Fahrgestellnummer?), Wertsachen wie Kameras, Laptops, etc. die wir mitführen (Wert?, Seriennummer?) und allerhand anderes Zeug. Obwohl wir die Formulare nur sehr halbherzig ausfüllen, nimmt man uns unser Gekrakel so ab, wir bezahlen irgendeine Steuer und erhalten noch mehr Papiere. Mit denen setzen wir uns ins Auto und fahren zur letzten Schranke. Hier überreichen wir dem Mann an der Grenze einfach all unsere Formulare und Pässe, er sucht sich das passende raus, den Rest behalten wir und schon sind wir im Swasiland. Geht doch…

Im Land angekommen, fahren wir recht zügig durch nach Mbabane, der Hauptstadt des Landes. Der Weg dorthin ist gezeichnet von einer recht beeindruckenden bergigen Landschaft, sowie einigen Dörfern die wir durchqueren, die einem den Lebensstandard der durchschnittlichen Bevölkerung gut vermitteln. Wenig überraschend hält sich der Verkehr in Grenzen, lediglich die schon aus Südafrika bekannten und von der Bevölkerung viel genutzten Minibustaxis kreuzen ab und an unseren Weg über die gelegentlich holprige Straße.

Da die Hauptstadt gerade einmal rund 90.000 Einwohner umfasst, stellt die Fahrt durch Mbabane kein größeres Problem dar und wir finden recht schnell unsere Unterkunft für die heutige Nacht. Auf einem recht großen Anwesen werden wir freundlich begrüßt und in unsere aus drei Zimmern bestehende Unterkunft mit Terrasse und einer wirklich beeindruckenden Aussicht gebracht. Schon arg, welche Fassade hier für die Touristen aufgefahren wird. Wir erhalten einen Tee sowie Kuchen zur Begrüßung, die Aufnahme unserer Frühstückswünsche, sowie den Hinweis, dass an einem Sonntag kein Abendessen serviert wird. Pech für uns, das heute Sonntag ist.

Die scheinbar einzige Alternative besteht in einem Restaurant ca. 35 Minuten von unserer Unterkunft entfernt außerhalb der Stadt. Unsere Frage ob es denn nicht was Näheres gebe, wird mehr oder minder geflissentlich ignoriert und so erklärt sich Romy bereit die nächtliche Fahrt durch die mit Löchern gespickten Straßen auf sich zu nehmen, sodass man uns doch bitte einen Tisch reservieren solle.

Bevor wir uns auf den Weg zum Restaurant machen, informiert uns die Swasilandzeitung sowie ein weiterer von unseren Gastgebern herbeigeholter Hochglanzprospekt folgendermaßen über unseres abendliches Ziel „The Calabash Restaurant“: „Swaziland’s leading Restaurant“, „extensive á la carte menu specialises in delicious international cuisine“, „exquisite“, „high quality cuisine“, „superb service from handpicked expertly trained staff“…

Uijuijui, mehr als T-Shirts habe ich gar nicht bei. Klingt ja nicht nach dem lockeren Ambiente das wir sonst eher bevorzugen bzw. gewohnt sind. Da wir jedoch keine Alternative haben, müssen unsere Gastgeber hier wohl durch.

Am Restaurant angekommen, begrüßt uns der nette Parkservice und begleitet uns zum Eingang, wo wir freundlich empfangen und zur Bar gebracht werden. Hier nehmen wir Platz, denn es dauert wohl noch ein wenig bis wir zu unserem Tisch können. Wer nun glaubt, es liege an dem ungeheuren  Betrieb im Restaurant, liegt falsch. Vielmehr sind wir die einzigen Gäste und auch sonst scheint nichts los zu sein. So fehlt vom Barkeeper jede Spur und auch die Schränke zu den leckeren Spirituosen stehen verschlossen vor uns. Anscheinend ist ein Restaurantbesuch um 18.30 Uhr in Swasiland alles andere als üblich und wir mit unserem Hunger viel zu früh dran.

Nach ein paar Minuten scheint der Betrieb dann aber eigens für uns angeworfen zu werden, sodass der Barkeeper auftaucht, alle Schränke öffnet und uns dann lediglich mit einem Bier und einer Cola abspeisen darf (na toll…). Nun werden uns auch die Menükarten gebracht, von denen wir uns nur die höchsten Köstlichkeiten versprechen, nachdem wir doch schon so viel Gutes über den Laden lesen durften. Wir schlagen die Seite mit den Hauptgerichten auf und können uns das Grinsen einfach nicht verkneifen. Es begrüßen uns: „Eisbein, „Ochsenzunge“, „Wiener Schnitzer“, „Züricher Geschnetzeltes“, „Roulade“, „Berliner Leber“, „Forelle“ und vieles mehr das uns nicht ganz unbekannt vorkommt.

Dass die Gerichte auch auf Deutsch in der Karte stehen lässt vermuten, dass hier Kenner am Werk sind, was uns seitens des Barkeepers auch sofort bestätigt wird. So haben Rudi und Norbert den Laden im Griff und bieten hier Haute Cuisine, zumindest für hiesige Verhältnisse. Da Forelle aus ist, gibt es für uns Wiener Schnitzel und Züricher Geschnetzeltes mit Kartoffelrösti und als Vorspeise einen gebackenen Camembert. Exotischer hätten wir uns die Speisen im fernen Swasiland nun wirklich nicht erträumen lassen.

Um uns herum werkelt eine beeindruckende Schaar an Personal, wenngleich wir die einzigen Gäste an diesem Abend bleiben sollten. Vielleicht spielt sich das Leben aber auch erst zwischen unserer Abfahrt um acht und um zehn ab, denn dann ist Schließzeit für das Restaurant.

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Am nächsten Tag heißt es schon wieder Abschied nehmen vom Swasiland und unser nächstes Ziel, nun wieder in Südafrika, anzusteuern. Entgegen unseres ursprünglichen Plans, nehmen wir eine als besonders attraktiv beschriebene Route aus dem Land, wenngleich wir mit dem Wetter nicht ganz so viel Glück haben und oftmals nur in die Wolken schauen.

Insgesamt haben wir dennoch das Gefühl, dass dieses Land definitiv noch viel Potential aufweist. beeindruckt die Landschaft doch mit wirklich schöner Natur, die zum Wandern oder anderen Outdoor Aktivitäten einlädt. Bestimmt hätten wir hier noch gut den einen oder anderen Tag rumbringen können. Vielleicht macht der König auf mittlere Sicht ja doch noch einen Sinneswandel durch und investiert lieber in sein Volk, denn in seine dutzenden Ehefrauen und teuren Wagen.

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Nach einigen Kilometern erreichen wir erneut die Grenze und stehen wieder vor all den lustigen Schranken und Büros, die hier die Ein- und Ausreise regeln. Gut dass wir all unsere Papiere sorgsam aufbewahrt haben, sollte der Ausreise doch nun nichts mehr im Wege stehen.

Noch vor der ersten Schranke parken wir unseren Wagen, gehen zielstrebig zur Immigration und stellen uns in die Schlange. Um uns herum beobachten wir, wie alle Leute ein uns bis dato noch unbekanntes Formular ausfüllen, welches anscheinend für die Ein- und Ausreise vorgesehen ist. Wenngleich uns bei der Einreise nicht begegnet, füllen wir das Formular brav aus, packen es zu dem restlichen Stapel an Papieren und stellen uns erneut in die Schlange. Hier will niemand irgendeinen Zettel, bis auf den gerade ausgefüllten, sehen und so bekommen wir unseren Ausreisestempel, diesmal mit korrektem Datum, der uns nun offiziell bestätigt, dass wir ein Jahr und einen Tag im Swasiland verweilt haben.

An der Schranke aus Swasiland sind ebenfalls keine Zettel erwünscht, sodass wir erneut ins Niemandsland passieren dürfen. Hier wieder Auto parken und ab zur Immigration, diesmal auf der  südafrikanischen Seite. Anstellen, warten, Stempel, alles fein, keine Fragen, keine Zettel, weiter geht es. Gut gelaunt und mit einigen, von niemand gewollten Papieren fahren wir zur letzten Schranke.

„Pässe“? Kein Problem, „Bitteschön“. „Bitte mal Kofferraum aufmachen und den Rucksack auch“. „Selbstverständlich, kein Problem, hier bitte…“. „Was ist das denn?“ fragt der südafrikanische Grenzbeamte, „Laptop und Kamera?“. „Ähm ja?!“ antworte ich. „Sind die angemeldet?“ schießt es als Frage hinterher. „Oh, hätten wir das? Kein Problem, dann fahren wir zurück und erledigen dass noch?!“. „Nein, nein. Kein Problem. Bitte mal aussteigen, die Sachen rausholen und ich notiere mir das alles.“. Dass wir den gesamten ausgehenden Grenzverkehr mit unserem Auto blockieren, stört den Beamten wenig. Lediglich seine Kollegin beschwert sich lautstark, er gibt ihr aber in einer uns nicht verständlichen Sprache scheinbar zu verstehen, dass es sich hier um einen sehr wichtigen Vorgang handelt, der den Stau zu rechtfertigen vermag. Zumindest fallen die Worte „Kamera“ und „Laptop“.

Ich steige also mit dem von ihm beanstandeten Kram aus und kläre über Modell, Seriennummern und Werte unserer Güter auf. All das schreibt er in sein kleines blaues Buch aus seiner Brusttasche zuzüglich Romys Namen und Passnummer, unserer Telefonnummer aus Deutschland, sowie unserem aktuellen Kennzeichen. Beim Schreiben nimmt er es nicht so genau, würfelt Buchstaben und Zahlen durcheinander, ist aber zufrieden, als er aus seiner Sicht alle Details brav in sein Notizbuch gekritzelt hat. Er wünscht uns eine gute Fahrt und wir steigen verdutzt in unser Auto ein und fahren von dannen.

Über den Sinn der Aktion sind wir uns noch nicht ganz im Klaren. Unsere erste Vermutung, er ruft gleich einen Freund an, dem er Kennzeichen und Wertgegenstände im Auto mitteilt, bewahrheitete sich nicht. Zumindest lauerte uns niemand auf oder die Beute erschien einfach nicht lohnenswert. Mit ein bisschen Glück ruft uns ja mal jemand an und klärt uns über das kleine blaue Buch auf, unsere Nummer haben sie ja…

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